Aktuell: Welchen Einfluss die Zinssenkung der EZB auf die Hypothekenzinsen hat - wird eine Baufinanzierung oder ein Forwarddarlehen jetzt noch günstiger?
Am Donnerstag, dem 03. November 2011 sowie am Donnerstag, dem 08. Dezember 2011 traf die Europäische Zentralbank (EZB) unter Ihrem neuen Chef Mario Draghi jeweils die Entscheidung, die Leitzinsen um 0,25% zu senken.
Welchen Einfluss haben aber nun die letzten Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank auf die Hypothekenzinsen?
Jeweils am Tag selbst und am folgenden Freitag stiegen sie erst einmal! Und sie wären möglicherweise weiter gestiegen, wenn die politischen Beschlüsse in Brüssel nicht erneut für Unruhe gesorgt hätten.
Aber wieso steigen die Zinsen für Immobilienfinanzierungen, wenn die EZB die Leitzinsen senkt? Wieder ein Beweis für die Gier der Banken?
Nein, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen der Zinsentwicklung der kurzfristigen Anlagen und der langfristigen.
In der Tat steuert die EZB mit ihrer Zinspolitik im wesentlichen die Kosten der Refinanzierung der Kreditwirtschaft und im Idealfall werden diese Veränderungen mit einiger zeitlicher Verzögerung beim Verbraucher ankommen, sowohl in die eine als auch die andere Richtung. Hierbei geht es dann aber auf der einen Seite um kurzfristige Kredite, z. B. Dispositionskredite (also auch Überziehungskredite) und auf der anderen Seite um kurzfristige Anlagen, z. B. Tagesgeldanlagen.
Hypothekenzinsen werden in Deutschland allerdings in aller Regel in langfristiger Form angefragt, d.h. mit einer Zinsfestschreibung von mindestens 5 Jahren, meist sogar 10 Jahre oder gar länger. Die Hypothekenzinsen folgen wiederum den Renditen für langfristige Anleihen am Kapitalmarkt, z. B. Staatsanleihen oder Pfandbriefe. Und deren Renditen werden nicht von einer Zentralbank festgelegt, sondern bilden sich auf Basis von Angebot und Nachfrage.
Warum aber steigen die langfristigen Zinsen oft unmittelbar nach einer Zinssenkung der Notenbank und umgekehrt?
Um dieses Phänomen zu verstehen, sollte man sich mit der Frage auseinandersetzen, was die Zentralbank mit einer Zinssenkung erreichen möchte. Sie möchte kurzfristige Finanzierungsmittel günstiger machen, was zu einer günstigeren Kreditversorgung von Unternehmen und privaten Verbrauchern führt. Diese günstigere Geldversorgung soll die Wirtschaft stimulieren, folglich für Wirtschaftswachstum sorgen. Ein steigendes Wirtschaftswachstum bietet die Basis für steigende Löhne und in der Konsequenz möglicherweise langfristig den Nährboden für steigende Inflation. Steigt die Inflation, verlangen Geldanleger langfristig auch höhere Zinsen für ihr Kapital, weil sich die Anlage nach Abzug von Steuern und Inflation ansonsten nicht mehr rentiert.
Man darf als Bankkunde folglich verlangen, dass der Zinssatz für den Dispositionskredit spätestens ab dem nächsten Quartal im Zuge der EZB-Zinssenkung ebenfalls gesenkt wird.
Auf die Hypothekenzinsen und damit auch auf die Konditionen für Forwarddarlehen hat ein Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank hingegen absolut keinen entsprechenden Einfluss - eher im Gegenteil. Auch wenn immer wieder irgendwo zu lesen ist, dass der EZB-Leitzins und die Hypothekenzinsen im Gleichschritt marschieren und folglich auf eine Zinssenkung der EZB auch fallende Hypothekenzinsen folgen müssen - das ist Unsinn.
Merken Sie sich: Die Zinssätze für Immobiliendarlehen folgen den Renditen der langfristigen Staatsanleihen und Pfandbriefe. Deren Renditen werden unter den Martteilnehmern auf Basis von Angebot und Nachfrage börsentäglich ausgehandelt und basieren auf deren Einschätzung der langfristigen konjunkturellen Entwicklung. Die langfristigen Zinsen Ende 2011 spiegeln damit momentan die Einschätzung unserer wirtschaftlichen Entwicklung in den Jahren 2013 und 2014 wieder.

